92_lina: Porträt eines Mädchens (Woman with wax tablets and stylus (so-called "Sappho")). (sappho)
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... Weiterhin besagt der Entscheid, dass Trumps Dekret in Teilen eingefroren ist, bis weitere Einzelheiten geklärt sind. Der Gerichtsentscheid legt nahe, dass das Dekret höchstwahrscheinlich gegen die Verfassung verstößt. Die Klärung soll wahrscheinlich im Februar erfolgen. Die Richterin Ann Donnelly wies die Regierung in Washington zudem an, eine Liste aller festgehaltenen Personen zu veröffentlichen. Es dürfte sich um etwa 200 Menschen handeln. Das Weiße Haus reagierte zunächst nicht auf den Entscheid.

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Trudeau und May distanzieren sich

Zuvor hatten sich die Regierungen Großbritanniens und Kanadas von der Entscheidung des US-Präsidenten distanziert. Das Büro der britischen Premierministerin Theresa May erklärte, die Einwanderungspolitik der USA sei zwar allein deren Sache. "Aber wir sind mit diesem Ansatz nicht einverstanden, und es ist keiner, den wir verfolgen werden." 

Die Anordnung Trumps werde nun auf ihre Bedeutung und juristischen Folgen geprüft. "Wenn es irgendwelche Konsequenzen für britische Staatsangehörige haben sollte, dann werden wir natürlich bei der US-Regierung Einspruch dagegen erheben", hieß es in der Stellungnahme.

 
Aus : Die Zeit vom 29.01.2017. 

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Eine Antwort auf diese "Globalisierung des Nationalismus", wie es der Schweizer Karikaturist Patrick Chappate nennt, findet man in Davos allenfalls in Ansätzen: Bloß nicht kollaborieren, bloß nicht den Populismus normalisieren, sagt Jan-Werner Müller, der in Princeton Politikwissenschaften lehrt. Das würde die Demokratie noch stärker gefährden.
Mehr Transparenz, mehr Verantwortung, noch mehr guten Journalismus fordert Mark Thomsen, CEO der 
New York Times. Aber auch er weiß: Den Kern der Trump-Wähler wird er damit nicht erreichen.  

IWF-Chefin Christine Lagarde sieht im Kampf gegen die wachsende soziale und ökonomische Ungleichheit einen wichtigen Ansatz: Sie habe bereits 2013 in Davos vor den Folgen dieser Entwicklung gewarnt, sagtLagarde. Damals habe sie kaum Aufmerksamkeit bekommen. "Hoffentlich hören die Leute heute zu."

Wie sehr der Wahlsieg Trumps die Welt verändert hat, zeigt die Rede des chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Er tritt in Davos nicht nur als Verteidiger der Globalisierung und des Freihandels auf, was nicht wirklich überrascht, sondern als auf Ausgleich bedachter, weltoffener Politiker. Xi Jinping wendet sich direkt an den nicht anwesenden künftigen US-Präsidenten: "Niemand wird als Sieger aus einem Handelskrieg hervorgehen. Wenn wir auf Schwierigkeiten stoßen, sollten wir uns nicht beschweren, anderen die Schuld geben oder weglaufen. Stattdessen sollten wir Hand in Hand gehen und uns der Herausforderung stellen."

Die Rede von Xi Jingping hat in Davos viel Aufmerksamkeit bekommen. China als Hort der Vernunft – vielleicht ist das die positive Nachricht, die vom diesjährigen Weltwirtschaftsforum ausgehen kann. Hoffentlich wird sie in Washington auch gehört.

Quelle. 


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Davos:Der Davos-Mann ist in der Krise

Das Weltwirtschaftsforum endet in lauter Ratlosigkeit: Was tun gegen Trump, Nationalismus, den Frust der Mittelschicht? Die Antworten der Elite überzeugen kaum.

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       Deutsche Geheimdienste warnen vor russischer Manipulation

Russland versucht gezielt, das gesellschaftliche Klima in Europa zu beeinflussen, befürchten BND und Verfassungsschutz. Das Verhältnis zu den USA solle gestört werden.

Der Bundesnachrichtendienst (BND) und das Bundesamt für Verfassungsschutz werfen Russland vor, die enge Bindung Europas an die USA systematisch zu torpedieren. Das geht aus einem gemeinsamen Bericht des Arbeitskreises PsyOps (Psychologische Operationen) an die Bundesregierung hervor, wie das Nachrichtenmagazin Spiegel berichtet

Das Bundeskanzleramt hatte die Geheimdienste damit beauftragt, russische Propagandakampagnen – wie etwa den Fall Lisa – sowie Cyberangriffe zu untersuchen. Vor gut einem Jahr war eine 13-jährige Russlanddeutsche kurzzeitig verschwunden. Das Mädchen gab später an, von "Südländern" vergewaltigt worden zu sein, was allerdings nicht stimmte. Russische Medien und Politiker warfen den deutschen Behörden daraufhin vor, einen vermeintlichen Skandal zu vertuschen.
 

Der Bericht der Geheimdienste stellt nun fest, dass die russische Einflussnahme innerhalb der EU zugenommen habe. Demnach versuche Russland gezielt, das gesellschaftliche Klima zu beeinflussen und Konflikte zu eskalieren. Der Spiegel berichtet weiter, es gehe Russland darum, das Bündnis zwischen der EU und den USA zu destabilisieren. 

Sorge bereitet auch, dass Russland mit Cyberattacken nach Ansicht von US-Geheimdiensten aktiv in den Präsidentschaftswahlkampf in den USA eingegriffen habe. Das hatte jüngst auch der künftige US-Präsident Donald Trump kritisiert.

Einfluss auf Wahlen in Europa

 

Nicht nur für den Bundestagswahlkampf in Deutschland werden nun ähnliche Manipulationsversuche durch Russland erwartet, auch für die Wahlen in anderen EU-Ländern wie etwa in den Niederlanden im März oder im April/Mai in Frankreich. Die EU und die Nato seien längst alarmiert und suchten zusammen mit ihren Mitgliedstaaten nach Gegenstrategien, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Die Angriffe auf Datennetze vieler ihrer Mitgliedstaaten seien besorgniserregend. Daher konzentriere man sich darauf, die Bündnisstaaten bei der Cyberabwehr zu unterstützen. "Jeder Versuch, in nationale Wahlen von außen einzugreifen oder diese zu beeinflussen, ist nicht hinnehmbar." 

Der für Sicherheit zuständige EU-Kommissar Julian King warnte schon im November vor Cyberangriffen, die darauf zielten, "die öffentliche Meinung vor allem während Wahlkämpfen zu manipulieren". Es könne davon ausgegangen werden, "dass solche Angriffe fortgesetzt werden, um 2017 die Wahlen in Europa zu beeinflussen".

EU und Nato gründen Zentrum für Abwehr hybrider Bedrohungen

Mit der Richtlinie zur Sicherheit von Netzwerken und Informationssystemen (NIS-Richtlinie) hatten sich die Europäer im August 2016 erstmals EU-weite Regeln zur Cybersicherheit gegeben. Die Mitgliedstaaten verpflichten sich damit, nationale Abwehrstrategien zu entwerfen, Eingreif- und Überwachungsteams aufzustellen und sich regelmäßig auf EU-Ebene abzustimmen. In nationales Recht umgesetzt und damit voll in Kraft gesetzt wird die Richtlinie allerdings erst bis Mai 2018.

Seit vergangenem Jahr ist das Internet für die Nato ein eigenständiges Einsatzgebiet. Angriffe über Datennetze können seither wie andere militärische Angriffe behandelt werden. Damit ist möglich, dass Hackerangriffe sogar den Bündnisfall nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrages auslösen.
 

Die Abwehr digitaler Angriffe spielt auch beim gemeinsamen Vorgehen von EU und Nato gegen sogenannte hybride Bedrohungen eine Rolle. Damit sind etwa Täuschungen und Verschleierungen, Propaganda und gezielte Desinformation sowie Hackerangriffe statt des Einsatzes militärischer Mittel gemeint. Der Westen wirft Russland vor, solche Taktiken im Ukraine-Konflikt eingesetzt zu haben. 

Schon im Dezember hatten die Nato und die EU vereinbart, ein europäisches Zentrum für die Abwehr hybrider Bedrohungen zu gründen. Bisher laufe ein Austausch zur Cyberabwehr, teilte die Nato mit. Wichtig sei, dass es abgestimmte und gemeinsame Standards zur Abwehr gebe und das Personal daher gemeinsam geschult und ausgebildet werde. Stoltenberg betonte allerdings, dass Gegenpropaganda das falsche Mittel sei. Stattdessen müsse Europa mit klaren Fakten gegensteuern.

Quelle: Die "Zeit" : http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-01/russland-deutschland-geheimdienst/komplettansicht





92_lina: h. w. (H. W.)
 

Das Vermächtnis - Die Welt, die wir erleben wollen

Kennen wir uns eigentlich selbst? Wissen wir, was wir wollen, was wir schätzen an unserem Leben und was wir gerne nachfolgenden Generationen mit auf den Weg geben würden? Worauf könnten wir verzichten? Was ist uns wichtig? In welchem Verhältnis stehen für uns Beruf und Privates, persönliche Erfüllung und materieller Wohlstand, Selbstbestimmtheit und Familienwunsch? Was würden wir sofort hinter uns lassen,wenn wir ein zweites Mal auf die Welt kämen? Welche sinnlichen Eindrücke nehmen wir als Schatz mit in die Zukunft? All diese Fragen sind Thema der großen Vermächtnisstudie, welche DIE ZEIT, infas und WZB vor zwei Jahren gemeinsam initiiert haben. Über 3.000 Menschen in Deutschland sind für diese repräsentative Studie in einem persönlichen Interview befragt worden.

Die Studie erfasst die Einstellungen, Normen und das Vermächtnis an weitere Generationen auf Gebieten von Familie über Erwerbstätigkeit, Nahrung, Gemeinschaft und Gesundheit und gibt umfassend Auskunft zu den Gesellschaftsentwürfen von Menschen zwischen 14 und 80 Jahren. „Die Einkommen liegen weit auseinander, die Vermögen noch mehr, der Zugang zu Bildung ist sehr ungleich verteilt, es gibt Unterschiede zwischen Ost und West“, sagt WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger in einem Gespräch mit der ZEIT zur Studie. „Man könnte in vielerlei Hinsicht von einer gespaltenen Gesellschaft sprechen. Unter der Oberfläche aber, im Inneren, wenn es um die Werte und Normen geht, liegen die einzelnen Gruppen der Gesellschaft nah beieinander. Das ist Anlass für Hoffnung und politisches Handeln.“

Was die Erwerbsarbeit betrifft, so ergab die Umfrage eine hohe Empathie der Menschen ihrer Arbeit gegenüber: „Früher mag im Berufsleben das materielle Motiv im Vordergrund gestanden haben. Heute erfüllt die Arbeit auch einen immateriellen Zweck: Sie gehört im Empfinden der Deutschen zu einem erfüllten Leben einfach dazu“, so Allmendinger. Die Menschen arbeiteten nicht nur des Geldes wegen: Viele von ihnen „haben das Gefühl, keinen weiteren Besitz anhäufen zu müssen. Trotzdem wollen sie arbeiten.“ Das einst hinsichtlich der Arbeit vorherrschende Pflichtgefühl scheint passé: „Es gehörte sich einfach zu arbeiten, vor allem für die Männer. Heute hat die Pflicht als ausschließliches Motiv ausgedient“, resümiert Allmendinger eine zentrale Erkenntnis der Studie.



 

Quelle. 
92_lina: Marienburg (Default)
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Ein Ökonom und Gentleman

Er sah die Krise voraus, weil er die Gefühle der Menschen ernst nimmt. Jetzt erhält er den Nobelpreis. von 


Fast fünf Jahre ist es jetzt her. Im Januar 2009 tagte das World Economic Forum in Davos, die Finanzkrise war auf dem Höhepunkt. Robert Shiller war ein Star, weil er, der Ökonom von der Yale-Universität in Neuengland, die Krise vorhergesagt hatte. Doch leicht hatte er es deswegen nicht. Der andere umjubelte Forscher des Treffens war nämlich Nouriel Roubini aus New York, der das Chaos ebenfalls erwartet hatte. Und man musste keine übersinnlichen Fähigkeiten haben, um zu begreifen: Die beiden Männer können sich nicht leiden.

Bei einer Abendveranstaltung in einem Hotel oberhalb des Tales trafen sie schließlich aufeinander. Roubini war wie immer, arrogant und brillant, offensiv und verletzend. Leichthin erklärte er, wie die Fehler von Politikern, Bankern und Bürgern zwangsläufig zur Krise führen mussten. Und dann kam es: Um das zu erkennen, sagte Roubini, müsse man nicht auf Gefühle und Verhaltenstheorien zurückgreifen – simple Marktdaten reichten da vollkommen aus.

"Gefühle und Verhaltenstheorien" sind aber in der Finanztheorie mit niemandem so eng verknüpft wie mit Robert Shiller. Schon in den neunziger Jahren hatte er in einem Buch vor dem irrationalen Überschwang an der Börse gewarnt. Und den gleichen ebenso ansteckenden wie übertriebenen Optimismus sah er vor der Finanzkrise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt, von dem das Desaster dann ausging. Wie also würde Shiller reagieren, dieser leise und scheue Mann im Tweed-Jackett, mit vollem grauen Haar und den klassischen Gesichtszügen der Ostküsten-Aristokratie?

Wer Ärger mit Shiller sucht, der kann ihn haben

Wie schon so oft lächelte er auch jetzt verlegen, als er sich zur Antwort erhob, und beim Reden senkte er den Kopf. Doch sein Vortrag ließ es nicht an Klarheit fehlen. Shiller zeigte, wie unklar die Daten in Wahrheit gewesen waren. So hätten Länder mit sehr unterschiedlichen Zinshöhen gleich große Immobilienblasen gehabt. Nein, ohne die besondere Psychologie des Booms könne man die Krise nicht erklären. Nach und nach nahm er leise, aber unerbittlich die Argumente des Vorredners auseinander und ließ dabei Klassiker der Ökonomie ebenso elegant einfließen wie seinen Lieblingssoziologen Max Weber. Am Ende war klar: Wer Ärger mit Shiller sucht, dem notorischen Vielleser und Vielwisser, der kann ihn haben.
 

Seit damals ist sein Ruf nur noch gewachsen, am meisten am vergangenen Montag, als er den Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaft zugesprochen bekam. Robert Shiller, 67, Professor und Finanzunternehmer, New York Times-Kolumnist und Reformer, ist auf dem Ökonomiegipfel angekommen. Wie einst der Brite John Maynard Keynes personifiziert er heute die Hoffnung darauf, dass Nationen die Gefahr von Krisen früh erkennen, das Chaos vermeiden oder jedenfalls wirksam bekämpfen können. Doch wie kam er dahin, und was dürfen wir dem Ökonomen mit dem Sinn fürs Psychologische wirklich zutrauen?

Mit 20 Jahren weiß der Student Robert Shiller immer noch nicht, wohin er steuern soll. Shiller liest alles, was ihm in die Finger kommt, kennt immer schon die Gegenargumente zu dem, worauf er sich gerade einlässt. Was also studieren? Naturwissenschaften oder Psychologie? Um nachzudenken, geht er wandern. So weit, dass er sich eine Fußverletzung zuzieht, wie sie Soldaten in der Grundausbildung manchmal bekommen. Schließlich entscheidet er sich für Wirtschaft. "Wenn man Mathe liebt und nah an den Menschen sein will wie ich, geht man in die Ökonomie", sagt er. Gut für die Ökonomie, ein Fach, das dringend erweitert werden muss.

In den sechziger Jahren steht die mathematische Theorie im Vordergrund, und das heißt: Modelle einer rationalen Idealwelt, die in sich wunderbar funktionieren, aber fern der Realität stehen. Der Siegeszug der Rationalisten wird anhalten, aber die Gegenbewegung bahnt sich an. Erste Forscher fragen, wie die Menschen sich wirklich verhalten und ob ihr beobachtbares Tun die Wirklichkeit nicht besser erklärt als die alten Modelle. Ja, wird der Jungforscher Shiller bald sagen: An der Börse geht es nicht vernunftgestützt zu, die Kurse bewegen sich viel mehr, als es eine ruhige, rationale Betrachtung zuließe.
 

Später zeigt er, dass es Phasen gibt, in denen sich das Irrationale besonders stark Bahn bricht. Im Boom kommt es zur massenhaften Ansteckung: Anleger, die vor Kurzem noch mit drei Prozent Rendite zufrieden waren, halten nun 30 Prozent für normal. Das Risiko wird ausgeblendet oder wegerklärt. Solche Prozesse haben andere auch schon beschrieben, aber Shiller untermauert sie mit neuen Daten, selbst entwickelten Kennzahlen für die Überhitzung von Aktien- oder Immobilienpreisen und einer detaillierten Kenntnis davon, wie es an Finanzmärkten wirklich zugeht. Keiner ist besser ausgestattet, um Blasen zu erkennen. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass er die Börsenkrise von 2000 und die Weltfinanzkrise von 2008 in Umrissen kommen sieht. Er ist der Erste, der zugibt, dass man nicht genau weiß, wann und wie das Chaos Gestalt annimmt, aber so pralle Blasen wie damals müssen irgendwann platzen.

Seit Jahren war er ein Nobelpreis-Favorit. Als das, was alle erwarteten, vergangenen Montag eintritt, ist er nicht vorbereitet. In der ersten Stellungnahme sagt er, das mit dem Preis könne er gar nicht glauben. Unfug, er wurde oft genug darauf angesprochen. Der Anruf kommt im Morgengrauen, Shiller wollte gerade zu einer Reise nach Arizona aufbrechen, um seinen Aktienpreis-Index gegen einen lautstarken Kritiker zu verteidigen. Er sagt die Reise ab und weckt seine Frau. Neulich hat er sie aus einem anderen Grund geweckt, und sie war sauer. Diesmal sagt sie, das sei jetzt schon eher ein Grund.

Seine Frau Virginia ist wichtig für ihn. In fast 40 Jahren Ehe hat die Psychologin ihn nachhaltig beeinflusst – eine ebenso freundliche wie sachliche Frau, die auf Empfängen und Partys selbstgewisser auftritt als ihr Mann und anregende Gespräche garantiert. Mit ihr hat er darüber geschrieben, dass die Wirtschaftswissenschaft sich der Realität annähern müsse, immer wieder kommt er im Interview auf sie zurück.

In der gemeinsamen Zeit hat es sich für ihn herauskristallisiert: "Wir brauchen ein Modell darüber, wie Volkswirtschaften in Krisen geraten." Sonst ist Ökonomie nur eine Wissenschaft für die normalen Zeiten, nicht für die, in denen es wirklich zählt. Dafür aber muss man nicht nur auf die Ratio schauen, sondern auch aufs Gefühl. Das menschliche Element könne man aus den Finanzmärkten nicht einfach wegdefinieren, sagt Shiller. Deshalb sei es genauso unmöglich, Kurse genau vorherzusagen, wie das Verhalten eines Menschen zu prognostizieren. Man brauche daher die Demut, sich einzugestehen, dass auch die besten Forscher die Bewegungen auf den Märkten nie ganz verstehen werden.

Stört es ihn da nicht, dass er den Preis gemeinsam mit zwei Männern aus Chicago erhält, die aus denselben Daten andere Schlüsse ziehen? Einer von ihnen, Eugene Fama, hat die Idee vom rationalen Finanzmarkt, der neue Informationen schnellstens in die Kurse aufnimmt, erst zur Theorie und dann zum Mantra erhoben. Und genau diese Idee hat Shiller als "den größten Irrtum der Geschichte ökonomischen Denkens" bezeichnet, weil sie zur Grundlage für die Deregulierung wurde, die zur Krise beitrug.

Shiller bleibt vornehm bei der Frage, um dann aber, wie es seine Art ist, doch einen Nadelstich zu setzen. Weil nach Famas Ansatz die Kurse schon alle relevanten Neuigkeiten beinhalten, kann in seiner Welt eigentlich niemand besser sein als der Markt. Doch genau das gelinge Fama mit seiner eigenen Finanzfirma, die für andere Geld anlegt. Für die Leistung zollt ihm Shiller, dessen eigene Firma MacroMarkets zuletzt wenig Erfolg hatte, "großen Respekt", aber damit widerlege sich der Kollege ja auch selbst.

Abgesehen davon, eint die Männer mehr, als auf den ersten Blick offenbar wird. Beide, man muss es so sagen, lieben Finanzmärkte und wollen, dass sie im Sinne der Menschen funktionieren. Genau dafür entwickelt der Unternehmer Shiller Lösungen – nicht mit Verboten, sondern mit neuen Finanzprodukten und anderen innovativen Ideen. "Ich bin ein Marktdesigner", sagt er. Auf vielen Finanzmärkten reicht es demnach nicht, wenn einfach Anbieter und Nachfrager aufeinandertreffen, weil die eine Seite die andere ausnutzt oder beide keine vorteilhaften Geschäfte machen. Solche Märkte brauchen nicht bloß gesetzliche Grenzen, sondern Erfindungsreichtum von Leuten wie ihm. Neue Kennzahlen und mehr.

Schon früh forderte Shiller besondere Staatsanleihen, deren Zins mit der Inflation schwankt, damit sich die Bürger gegen die Geldentwertung versichern können. Heute gibt es sie in Maßen. Hausbesitzer sollten sich gegen Preisstürze für ihre Immobilien versichern können, fand er. Auch dieses Angebot gibt es heute an der Börse in Chicago, wenngleich es bisher kaum einer nachfragt.

Doch Shillers Versuch, innovative Lösungen anzubieten, geht weit über Finanzmärkte hinaus. Das vielleicht größte Problem ist für ihn die immense Ungleichheit. Die könne noch Jahrzehnte weiter wachsen, fürchtet er, weil mit dem Siegeszug des Computers normale Arbeiter weniger und weniger Geld verdienen können. Schon länger propagiert Shiller eine Lösung dafür: Die Einkommensteuer wird demnach an die Verteilung von Einkommen gekoppelt. Nimmt die Ungleichheit zu, steigen die Steuersätze für die Wohlhabenden, die sogenannte Progression wächst dann also automatisch. Könnte das nicht die Linken und die Rechten in Amerika vereinen? Bisher nur eine Idee.

Der Ökonom bewundert Ingenieure – und will selbst einer sein

Shiller macht unverdrossen weiter als Entwickler, der den Kapitalismus nicht eindämmen, sondern mit seinen eigenen Mitteln besser machen will. Erst bringt er mit seinen Kennzahlen überhaupt Licht ins Dunkel der Realität. Dann denkt er sich Automatismen für gute und schlechte Zeiten aus, damit einzelne Marktteilnehmer genauso wie die Gesellschaft insgesamt ihre Risiken besser handhaben können.

Robert Shiller, dessen Vater selbst mit Erfindungen kleine Patente errang, hält Ingenieure generell für unterschätzt. "Ich bewundere sie", sagt er schlicht. "Das Ingenieurwesen bekommt nicht genug Respekt, auch nicht in der Ökonomie." Fast aller Aufwand gelte der Erklärung dessen, was gerade abläuft – und nicht der Entwicklung anderer Lösungen. Neues vorzuschlagen wirke heute auf viele unrealistisch oder fadenscheinig, versucht er das Phänomen zu erklären. Lieber werde alles als gegeben hingenommen.

Den Fehler will er nicht begehen, nie. So wie er damals nicht die Grenzen einer akademischen Disziplin akzeptieren wollte. So wie er sich keiner Ideologie zugehörig fühlt. "Das hat mich schon in der Sonntagsschule in Schwierigkeiten gebracht", erzählt er. Der kleine Robert wollte nicht glauben, was ihm der Pfarrer erzählte. Der große sagt, er bewundere John Maynard Keynes, der staatliche Eingriffe in die Wirtschaft hoffähig machte – und genauso seinen großen neoliberalen Widersacher Milton Friedman. Beider Lehren müsse man mit Vorsicht genießen.

Politik wäre nichts für ihn, sagt seine Frau manchmal. Sie stellt sich vor, ihr Mann müsste eine Regierungsposition auf einer Pressekonferenz vertreten – undenkbar. Unabhängig, skeptisch, neugierig: "Ich bin irgendwie gar nichts", sagt er zum Abschluss am Morgen nach seinem großen Tag, und es klingt, als sei das schwer, aber auch so, als gefalle es ihm.



Aus : http://www.zeit.de/2013/43/wirtschaftsnobelpreis-oekonom-robert-shiller/seite-1

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