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Ursprünglich schrieb ich diese Seiten nur für mich selbst. Ich wollte meinen eigenen Lebensstil, meinen persönlichen Lebensrhythmus zwischen meiner Arbeit und meinen menschlichen Beziehungen überdenken. Und da ich am leichtesten mit dem Bleistift in der Hand denke, ergab sich das Schreiben von selbst. Als sich meine Gedanken zum ersten Mal auf dem Papier ordneten, glaubte ich, meine Erfahrungen seien sehr verschieden von denen anderer Menschen. (Erliegen wir alle dieser Täuschung?) Ich genoß in meinem Leben in gewisser Hinsicht mehr Freiheit, als den meisten Menschen zuteil ist, in anderer Hinsicht war ich wesentlich beengter.
Außerdem, so glaubte ich, suchen nicht alle Frauen nach einem Lebensstil, noch haben sie das Bedürfnis nach einer ungestörten besinnlichen Ecke. Viele Frauen finden sich mit ihrem Leben sehr wohl ab. Sie werden erstaunlich gut damit fertig. Äußerlich gesehen schien mir, als meisterten sie es viel besser als ich. Mit Neid und Bewunderung betrachtete ich die glasglatte Vollkommenheit ihrer im ungestörten Pendelschlag schwingenden Tage. Vielleicht hatten sie keine Probleme oder sie hatten schon längst eine Antwort darauf gefunden. Nein, dachte ich schließlich, diese Überlegungen können nur für mich selbst von Wert und Interesse sein. [...]


...


Aber zuerst will ich - und das ist das eigentliche Ziel all dieser anderen Wünsche - in Einklang mit mir selbst sein. Ich wünsche eine eindeutige Sicht, Reinheit meiner Absichten, einen festen Mittelpunkt für mein Leben, die es mir ermöglichen, jene Verpflichtungen und Aufgaben so gut wie möglich zu erfüllen. Ich wünsche - um es durch einen theologischen Begriff auszudrücken - , " im Stand der Gnade " zu leben, soweit mir das überhaupt möglich ist. Ich gebrauche diesen Begriff nicht im streng theologischen Sinn.
Unter Gnade verstehe ich eine innere, im wesentlichen spirituelle Harmonie, die sich auch durch äußere Harmonie auszudrücken vermag. Vielleicht suche ich das, was Sokrates in seinem Gebet in Phaidros erflehte, wenn er sagt : " Laß den äußeren und den inneren Menschen eins werden. " Ich will einen Zustand der Gnade erreichen, aus dem heraus ich so sein und handeln kann, wie ich in der Vorstellung Gottes sein und handeln sollte.



Aus :  " Muscheln in meiner Hand "  von Anne Morrow Lindbergh.


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Arraus Begabung war - ich muß es zugeben - absolut. Er spielte nicht nur exzellent, ich spürte, daß er alles verstand und interpretierte. Er sah dich an, ohne dich in Verlegenheit zu bringen, höflich; und höflich, aber entschieden widersprach er dann. Nein, seine Art zu spielen hatte nichts Affektiertes, er war vor allem ein Mysterium: ein Pianist des Inneren, des Kleinhirns, der Hirnanhangdrüse.  Bei ihm hätte man sich nicht gewundert, wenn die Hände plötzlich verschwunden wären und er allein mit dem Denkvermögen weitergespielt hätte;  und wenn sein Klavier dann eine Seele enthüllt hätte, indem es allen mechanischen Triumph verjagte und die Saiten von ihrer unmöglichen Spannung befreite.



Roberto Cotroneo, Die verlorene Partitur.

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