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M&T: Grigory Sokolov, Sie gelten als Ausnahme unter den grossen Konzertpianisten unserer Zeit, und zwar deshalb, weil Sie mit grosser Ernsthaftigkeit und auch Ehrlichkeit Ihren Beruf ausüben. Sind das Ihre Charakterzüge?

G.S.: Erstens muss ich dazu sagen, dass Musik für mich kein Beruf ist, sondern ein Aspekt des Lebens. Das sagt eigentlich schon genug. Musik ist für mich so natürlich wie Atmen, was ja durch ein unglaublich komplexes System von Nerven, Muskeln bewirkt wird. Wissen Sie, wie Sie es machen? Nein. Aber Sie tun es. Genauso ist es mit der Musik. Das ist Leben.

...

M&T: Improvisieren Sie denn auch?

G.S.: Wenn Sie darunter verstehen, dass ich öffentlich zu einem Thema spiele, dann nein. Aber was ich meine, ist, jede Interpretation hat immer beide Seiten: Sie wissen, was passiert, aber ganz genau wissen Sie es eben doch nicht. Improvisation allein ist deshalb für mich ebenfalls unbefriedigend, weil das Fundament, das Gebäude fehlt. Wenn alles zufällig ist, ist das zuwenig. Diese Improvisation, die ich meine, ist eine sehr hohe Stufe der Erarbeitung, eine sehr bewusste Arbeit. Es hat nichts mit Anarchie zu tun.

...

M&T: Heisst das, dass Sie sich von anderen Interpretationen nicht beeinflussen lassen? Oder gibt es da einen gewissen Spielraum, dass Sie zum Beispiel einzelne Ideen, Details oder Ansätze in Ihr Spiel übernehmen?


G.S.: Ich habe ein gutes Immunsystem! Wahrscheinlich lässt es sich nicht vermeiden, beeinflusst zu werden. Ein Student sollte deshalb zuerst von sich aus ein Werk erarbeiten und erst dann andere Interpretationen anhören. Das ist zugegebenermassen ein wenig schwierig, weil wir ja eben nicht auf der Insel leben. Aber ich denke, nur so kann man die eigene Persönlichkeit voll in die Musik einbringen.



M&T: Wie war das mit Ihrer Immunität?

G.S.: Es ist wirklich so: Ich kann eine Interpretation anhören und sie auch schön finden, aber dennoch etwas ganz anderes machen.


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Hans Dieter Sauer


Die japanischen Schulkinder waren die Klügsten. Als am 11. März die Sirenen heulten, verhielten sie sich genau so, wie es ihnen immer wieder eingebläut worden war. Tsunami, tendenko! Wenn ein Tsunami kommt, renne bergauf. Das rettete den allermeisten von ihnen das Leben. Nicht alle Bewohner der Küste folgten so strikt den Regeln. Vielleicht wähnten sie sich hinter den Tsunami-Barrieren in Sicherheit, so die Vermutung von Domenico Giardini, dem Leiter des Schweizerischen Erdbebendienstes. Und viele alte Menschen konnten wohl einfach nicht schnell genug fliehen; die Hälfte der Toten ist über 65 Jahre alt. 

Lückenhaftes Wissen

Schon wenige Minuten nach dem Beben wurde die höchste von drei Tsunami-Alarmstufen ausgelöst. Dadurch konnten sich Hunderttausende in Sicherheit bringen. Gleichwohl fragt sich Costas Synolakis, der Leiter des Tsunami Research Center an der University of Southern California, ob sich nicht noch mehr Menschen gerettet hätten, wäre über die Höhe der Welle informiert worden. Auf die Ankündigung eines 12-Meter-Tsunamis reagiere man anders als auf den üblichen Alarm. Doch Jörn Lauterjung, der Leiter des deutsch-indonesischen Tsunami-Frühwarn-Systems, widerspricht entschieden. Bei einer so kurzen Vorwarnzeit – erste Küstenabschnitte erreichte der Tsunami schon 15 Minuten nach dem Beben – seien detaillierte Informationen nicht sinnvoll. Man müsse sich auf einfache Signale beschränken.

Sicher ist, dass die Sperrwerke die Wellen kaum irgendwo aufhielten, auch nicht beim AKW Fukushima. Beim Bau des ersten Reaktorblocks Ende der 1960er Jahre war die Plattengrenze vor der Küste, die das 9,0-Magnitude-Beben und den Tsunami auslöste, noch nicht bekannt. Man orientierte sich an einem 3,50 Meter hohen Tsunami, der 1960 von einem Beben mit Magnitude 9,5 in Chile ausgelöst worden war. Die Basis des Kraftwerks liegt 4 Meter über dem Meeresspiegel – damit schien hinreichende Sicherheit gegeben. Zusätzlich baute man vor der Küste einen 5,70 Meter hohen Wellenbrecher.

Kritik von Forschern

In der Tageszeitung «Asahi Shimbun» vom 26. März kritisierte eine ganze Reihe japanischer Wissenschafter, dass neue Erkenntnisse über die mögliche Stärke von Beben und die Höhe von Tsunamis nicht in bessere Schutzmassnahmen für den mittlerweile auf sechs Blöcke angewachsenen Kraftwerkskomplex umgesetzt wurden. Eine unheilige Allianz zwischen Nuklearindustrie, Industrieministerium und Überwachungsbehörden habe das verhindert.

Laut Christian Berndt von der Universität Kiel lässt sich heute für einen bestimmten Küstenabschnitt die maximal mögliche Tsunami-Höhe berechnen. Räumlich konzentrierte Anlagen wie AKW liessen sich demnach mit entsprechendem Aufwand schützen. Für die Siedlungen an der Küste insgesamt ist das aber ein Ding der Unmöglichkeit. Premierminister Naoto Kan hat deshalb angekündigt, man wolle den Wiederaufbau auf höherem Terrain vornehmen. Von dort könnten die Bewohner zu den Arbeitsplätzen in den Häfen pendeln.

Eine weitere Massnahme drängt sich auf. Inmitten der Trümmerwüsten sind immer wieder einzelne intakte Bauten zu sehen. Sie hielten dem Wasser stand, weil sie wie Pfahlbauten auf massiven Stelzen ruhen. Nach dem Tsunami von 2004 hatte Japan derartige Bauten auf Sumatra errichtet. Über breite Rampen können sich viele Menschen rasch dorthin retten. Mehr solche Gebäude braucht es nun auch in Japan selbst.
 


Neue Züricher Zeitung vom 06.04.2011.

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