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Es war kurios, man erlaubte mir (weil es Musik war), die Klaviersonaten von Skrjabin zu lesen und zu spielen, auch und besonders die neunte, die erklärtermaßen dämonisch und verwirrend ist und jedem, der sie hört, alle Stabilität zu nehmen vermag, weit mehr noch als manche Selbstquälereien von Mahler.
Skrjabin, der sich an den Grenzen der Musik bewegt, jenseits allen harmonischen Gleichgewichts, war mir gestattet - weil es Musik war, und Musik ist ja den Laien zufolge etwas, das nicht spricht, nicht redet, nicht zu logischen Schlüssen führt.



Ich war immer der Meinung, daß die romantische Seele das Produkt einer Zeitlichen Zwiespältigkeit ist, die sich aus Momenten des Wartens, der Leere und der jähen Beschleunigung zusammensetzt.  Die Zeit der Romantiker ist eine elastische Zeit.  Und sie überrascht uns immer.



Haben Sie also bitte Geduld, die Geduld, die man für etwas braucht, was man liebt.



Ich war auch nach Paris gekommen, um meine Debussy-Studien abzuschließen : das zweite Buch der Preludes.
Dafür habe ich nicht weniger als zehn Jahre gebraucht.
Zehn Jahre für achtunddreißig Minuten Musik, zusammen zwölf Stücke.
Es gab PIanisten, wie Rubinstein, die sich zwei Tage nehmen, um alle vierundzwanzig Preludes von Debussy einzuspielen.
Ich nicht.
In diesem Punkt habe ich mich Glenn Gould immer sehr gut verstanden.
Einmal in Toronto sagte er mir amusiert, ich sei sogar noch langsamer als er; dabei hat er für die Bachschen Inventionen fast zwanzig Jahre gebraucht.



Es war eine Compact Disc von einem amerikanischen Pianisten.
Ich kann sie nicht hören, aber man sagt mir, daß diese jungen Pianisten alle so spielen : technisch perfekt, aber ohne die geringste Kenntnis der Menschen und der Epochen, die sie interpretieren.
Vielleicht ist es nicht sehr demokratisch, das zu sagen, aber meine Musik ist elitär, der Begriff "Massenkultur" ist mir fremd, und ich verstehe ihn auch nicht;  er ist ein ideologisches Oxymoron, mehr nicht.
Der Weg zum Verständnis ist schwierig und lang, fast "initiatisch", nichts wird einem geschenkt, man muß alles in Ruhe assimilieren, mit Mühe und Aufmerksamkeit.



Und wenn die Preludes so gespielt werden müssen, dann hat die Technik, die große pianistische Technik im Dienst der Obsessionen zu stehen und nicht umgekehrt.
Das ist es, was ich Glenn Gould immer vorgeworfen habe : seine Obsession stand im Dienst der Technik, nicht umgekehrt, wie es sein sollte.
Deshalb spielte er Bach, aber nie Chopin - in Toronto gibt es keine Mönche und Dämonen, nur wunderbare Landschaften, die eher zu  Bachs Fugen passen.




Aus : Roberto Cotroneo, Die verlorene Partitur.

Stellen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen und im verschied. Maße interessant sind. Ich bin nicht ganz sicher, dass es ein großes Buch ist, aber es war schön, es zu lesen. Es gab einiges, was mir an diesem Buch gefiel.
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Wir kennen den ironisch-spöttischen Ton der Gedichte, wenn Goethe sich Kantische Grundanschauungen anverwandelt, um sich anschließend darüber lustig zu machen.  "Raum und Zeit, ich empfind es, sind bloße Formen des Denkens", heißt es im Xenien-Komplex. Aber diese Kantische Binsenwahrheit wird sofort parodistisch beiseite geschoben, wenn das Distichon fortfährt mit : "Da das Eckchen mit dir, Liebchen, unendlich mir scheint". Goethes Spott traf auch die Kantianer. Unter den Sachen so gestohlen worden (mit dem Zusatz: Immanuel Kant spricht) findet sich ein boshaftes Xenion: "Sechzig Begriffe wurden mir neulich diebisch entwendet,/  Leicht sind sie kenntlich, es steht sauber mein I. K. darauf" ... Aber die spöttische Distanz ist nicht alles. Wenn Goethe in den Maximen und Reflexionen über Kunst feststellt: "Wer gegenwärtig über Kunst schreiben oder gar streiten will, der sollte einige Ahndung haben von dem, was die Philosophie in unsern Tagen geleistet hat und zu leisten fortfährt", so enthält diese Bemerkung deutlich genug eine achtungsvolle Anerkennung der philosophischen Leistungen seiner Zeit.

...

Gelegentlich auch hier noch einmal Spott über die deutsche Aufklärungsphilosophie, wenn er schreibt : "Es sind nun schon bald zwanzig Jahre, daß die Deutschen sämmtlich transcendiren. Wenn sie es einmal gewahr werden, müssen sie sich wunderlich vorkommen".



Helmut Koopmann: Goethe, Faust und die Aufklärung, in: Nachgefragt. Zur deutschen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts




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