Jun. 3rd, 2009

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3. Juni 2009, Neue Zürcher Zeitung

Faszination des Unspektakulären

Tezuka Architects aus Tokio im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt

Zu den Shootingstars der japanischen Architekturszene zählen Yui und Takaharu Tezuka. Ihrem unkonventionellen Werk widmet das Deutsche Architekturmuseum eine inspirierende Ausstellung.

Karin Leydecker

Tezuka Architects verblüffen mit Hausprojekten wie dem «Roof House», dem «Wall-less House» oder dem «Sky-House», bei denen sie die Regeln normativen Bauens ausser Kraft setzen. Diese Neufigurationen entstehen nicht aus dekonstruktivistischer Fabulierlust oder aus dem Anspruch, eine neue Typologie des Wohnbaus zu erfinden. Sie ist vielmehr das Ergebnis eines intensiven Dialogs mit den Bauherren, aber auch mit ihrer Wahrnehmungswelt und ihrem auf den Fundamenten der Moderne basierenden Erfahrungswissen: Alles an ihren Bauten wirkt unkonventionell und ist dennoch fest in der alltäglichen Lebenswelt des praktischen Gebrauchs verankert.

Typisch für diese Haltung ist das «Roof House» (2001). Es wurde ausgehend vom Wunsch der Auftraggeber, auf dem Dach ihres Hauses essen und dabei die Aussicht auf den Kobo-Berg geniessen zu können, konzipiert. Jeder einzelne Raum hat eine verglaste Ausstiegsluke zur Dachterrasse, auf die man jeweils über eine schmale Holzstiege gelangt. Die Wohnung erweitert sich so um das mit Holzbohlen belegte Flachdach und erhält einen weichen Übergang zum Aussenraum. Eine weitere gelungene Synthese von architektonischer Konzeption und Lebensstil der Bewohner stellt das im Jahr 2006 errichtete Atelierhaus für einen Kunstliebhaber dar. Bei diesem kubischen Hausobjekt orientierten sich Tezuka Architects am Purismus des Bauherrn und schufen ein begehbares Gesamtkunstwerk mit phantastischem Ausblick auf die Bucht von Ushimado.

Im Gegensatz zu anderen jungen japanischen Architekten wie Sou Fujimoto oder Junya Ishigami, die gerne mit der drastischen Zertrümmerung der Häuslichkeit spielen, bestechen Tezuka Architects durch die Strategie des mit Raffinement ausgeführten Unspektakulären. Ausgangspunkt ihrer Entwurfsstrategie ist nicht nur die Persönlichkeit des Bauherrn, sondern immer auch der Ort und die klimatischen Bedingungen. Damit knüpfen sie ganz bewusst an die jahrhundertealte japanische Architekturtradition an, die durch westliche Einflüsse lange in den Hintergrund gedrängt wurde. «Erinnerte Zukunft», der programmatische Titel der gegenwärtigen Werkschau im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt, macht deutlich, dass Tezuka Architects nicht nach der temporären Erscheinung streben. Ihr Ziel ist die Zeitlosigkeit einer Baukunst, die «zu den Grundlagen zurückkehrt» und diese gleichzeitig durch innovative Technologien optimiert. Der Londoner Architekt Richard Rogers, bei dem Takaharu Tezuka vier Jahre lang gearbeitet hat, lobt denn auch die «höchste funktionale und ästhetische Qualität» von dessen Entwürfen.

Ein konstantes, aus der japanischen Architektur übernommenes Merkmal ist die Offenheit der Interieurs, die durch grossflächige Schiebetüren flexibel gestaltet werden können. Typisch bei den Wohnhausentwürfen ist auch die Ausprägung des offenen, wie eine Veranda multifunktional nutzbaren «engawa»- Raumes, der eine Symbiose von Innen und Aussen ermöglicht. Beim Fuji-Kindergarten (2007) in Tokio-Tachikawa ist diese Offenheit ebenfalls Prinzip, wird hier doch auf jede fixierte räumliche Klassentrennung verzichtet. Das Oval des luftigen, einstöckigen Gebäudes umschliesst mit schützender Geste einen baumbestandenen Innenhof, in dem die Kinder klettern und sich austoben dürfen. Von hier führen Treppen auf das 180 Meter lange Dachoval, das als «Rennstrecke» den Bewegungsdrang der Kinder ernst nimmt und zugleich als Klassenzimmer im Grünen dient.

Der starke Bezug zur umgebenden Natur zeigt sich auch beim 2003 eröffneten Matsunoyama Natural Science Museum «Kyororo» in Niigata: Wie ein rostiges Gürteltier kriecht der 160 Meter lange Baukörper über das Gelände. Die Hülle aus Corten-Stahl ist auf die extremen Witterungsbedingungen dieser Region massgeschneidert, denn sie kann einer Belastung von 2000 Tonnen standhalten. Wenn sich der Schnee im Winter manchmal bis zu zehn Meter hoch über dem Museum türmt, erlebt der Besucher hinter 40 Zentimetern dicken Fenstern die Naturgewalten pur. Das kann die Ausstellung im DAM selbstverständlich nicht unmittelbar erlebbar machen; aber es bietet als überwältigendes Highlight ein 4,4 Meter langes Modell dieses Museums aus Corten-Stahl sowie das Grossmodell des Pavillons «Woods of Net», das vor wenigen Tagen auf dem Gelände des Hakone-Open-Air-Museums eröffnet wurde.

Bis 28. Juni im DAM. Katalog: Takaharu + Yui Tezuka. Nostalgic Future. Erinnerte Zukunft. Hrsg. Paul Andreas und Peter Cachola Schmal. Jovis-Verlag, Berlin 2009. 118 S., € 22.–.

 

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