(no subject)
Jul. 25th, 2009 12:15 amFrau v. Stael wird Ihnen völlig so erscheinen, wie Sie sie Sich a priori schon konstruiert haben werden; es ist alles aus Einem Stück und kein fremder, falscher und pathologischer Zug an ihr. Dies macht, dass man sich trotz des immensen Abstands der Naturen und Denkweisen vollkommen wohl bei ihr befindet, dass man alles von ihr hören und ihr alles sagen mag. Die französische Geistesbildung stellt sie rein und in einem höchst interessanten Lichte dar. In allem, was wir Philosophie nennen, folglich in allen letzten und höchsten Instanzen ist man mit ihr im Streit und bleibt es, trotz alles Redens. Aber ihr Naturell und Gefühl ist besser als ihre Metaphysik, und ihr schöner Verstand erhebt sich zu einem genialischen Vermögen. Sie will alles erklären, einsehen, ausmessen, sie statuiert nichts Dunkles, Unzugängliches, und wohin sie nicht mit ihrer Fackel leuchten kann, da ist nichts für sie vorhanden. Darum hat sie eine horrible Scheu vor der Idealphilosophie, welche nach ihrer Meinung zur Mystik und zum Aberglauben führt, und das ist die Stickluft, wo sie umkommt… Sie ersehen aus diesen paar Worten, dass die Klarheit, Entschiedenheit und die geistreiche Lebhaftigkeit ihrer Natur nicht anders als wohltätig wirken kann; das einzig Lästige ist die ganz ungewöhnliche Fertigkeit ihrer Zunge, man muss sich ganz in ein Gehörorgan verwandeln um ihr folgen zu können. Da sogar ich, bei meiner wenigen Fertigkeit im Französischreden, ganz leidlich mit ihr fortkomme, so werden Sie bei Ihrer größeren Übung eine sehr leichte Kommunikation mit ihr haben.
Schiller an Goethe,
Weimar, 21.Dezember 1803.