(no subject)
Oct. 24th, 2009 04:53 pmIndessen wundere ich mich, wie sehr doch mein Denken zu Irrtümern neigt; denn wenngleich ich das obige schweigend und ohne zu reden bei mir erwäge, bleibe ich doch an den Worten hängen und lasse mich beinahe durch den Sprachgebrauch beirren. Sagen wir doch: wir sehen das Wachs selbst, wenn es da ist, und nicht: wir urteilen nach der Farbe und der Gestalt, dass es da sei. Und daraus möchte ich am liebsten gleich schließen, dass man also das Wachs mit der Sehkraft der Augen und nicht mit der Verstandeseinsicht allein erkennt. Doch da sehe ich zufällig vom Fenster aus Menschen auf der Straße vorübergehen, von denen ich ebenfalls, genau wie vom Wachse, gewohnt bin zu sagen: ich sehe sie, und doch sehe ich nichts als die Hüte und Kleider, unter denen sich ja Automaten verbergen könnten! Ich urteile aber, dass es Menschen sind. Und so erkenne ich das, was ich mit meinen Augen zu sehen vermeinte, einzig und allein durch die meinem Denken innewohnende Fähigkeit zu urteilen.
Rene Descartes, Meditationen über die Grundlagen der Philosophie.