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William Forsythe zum Sechzigsten


DruckenVersendenSpeichernVorherige SeWer wäre überrascht, im Zusammenhang mit Ballett von Katzen zu hören? Aber die Art und Weise, wie diese Tiere in der Tanzwelt auftreten, ist doch ungewöhnlicher, als man zunächst vermuten könnte. So existieren etwa Fotos, die beweisen, dass eine von George Balanchines Katzen die Angewohnheit hatte, gerne von ihm in die Luft geworfen zu werden. Aber dieser Mann sprach von seinen Tänzern wiederholt, als handele es sich um Rennpferde. Eine Generation später käme William Forsythe, der an diesem Mittwoch sechzig Jahre alt wird, nie auf die Idee, sich als Rennstallbesitzer und Vollblütertrainer zu sehen. Man kann sich schwer vorstellen, dass er Vierbeiner durch die Gegend schmisse.

Vielmehr sei er selbst auf gewisse Weise wie eine Katze, hat Forsythe der BBC einmal erklärt. Wie Katzen dies täten, so säße auch er gerne da und beobachte, sei visuell leicht abzulenken und zu fesseln. Die Frage zu dieser Antwort war ursprünglich nicht die nach seinem Verhältnis zu Felis Catus, sondern nach Inspirationsquellen der Choreographien Forsythes. Man könnte also sagen, ein Stück von William Forsythe ist die Maus, die er in stiller, unbewegter Beobachtung entdeckt und blitzschnell erjagt hat.

An Katzen fasziniert ihn ihre nur scheinbar passive Konzentrationskraft, nicht etwa, wie Balanchine, ihre Anmut. Man könnte Listen aufstellen, wie der von Balanchine informierte Forsythe dessen Programm nach und nach komplett erneuerte. Wo es Balanchine um Eleganz, Geschicklichkeit, Anmut, Schönheit, letztendlich Virtuosität seiner Tänzer - hauptsächlich der Frauen - zu tun war, da besteht Forsythe auf der geschlechtsunspezifischen Qualität seines Bewegungskodex. Man könnte sogar sagen, auch auf der artenunspezifischen Qualität von Bewegung.

Denn haben wir seine Tänzer nicht heulen, knurren, zähnefletschen gesehen, waren wir nicht Zeugen, wie sie sich in Dämonen, Hunde, Möwen, Wellen, Wolken oder Vektoren verwandelten?

Es ist offensichtlich, dass für Forsythes Bühnengeschöpfe die maximale Dauer einer Balance nicht ins darstellerische Gewicht fallen kann. Das Gleiche gilt für den meisterlichen Umgang mit Musik, zu dem Balanchine von Igor Strawinsky erzogen wurde und wozu er seinerseits die Tänzer anhielt. Forsythes Hauskomponist Thom Willems hingegen war stets gefragt, „akustische Umgebungen“ zu schaffen. Bilden Bewegungsimpuls und Musikverhältnis dramatische Unterschiede, so wird beim Umgang mit Raum geometrisch offensichtlich, wie sich das Interessenfeld der Choreographie verschoben hat. Wo Balanchine begeistert auf der Geste des Zeigens bestand - „Seht, wie faszinierend diese Schrittkombination funktioniert!“ -, da liebt Forsythe das Spiel des Verbergens und Verrätselns. Demonstrativ ist allenfalls seine Betonung intellektueller und ästhetischer Referenzen in Selbstaussagen. Seine Beziehung zum Publikum ist schwierig. Unter seinen Gegnern vermutet er nicht nur Verächter des theoretischen, ihm so wichtigen dekonstruktivistischen Ansatzes, sondern „hysterische Fetischisten“ im Hinblick auf einen zeitgenössischen Ballettbegriff. In Publikumsgesprächen versucht er erfolgreich zu vermitteln.

Zwar knackt er nicht die Nüsse für das Publikum, aber plötzlich erscheint es diesem wünschenswert, sich die intellektuellen Zähne an einem Stück Tanz auszubeißen. Das ist das Phänomen Forsythe. Mögen seine Choreographien mitunter nicht sehr kommunikativ wirken, so gleicht er das durch charismatische Auftritte wieder aus. Wen die spröde Rätselhaftigkeit mancher Werke Forsythes verprellt, dem mag zudem die Wandlungsfähigkeit ihres Schöpfers ein Trost sein. Was immer die aktuellen intellektuellen Paradigmen sein mögen, denen er nachhängt, sein Sinn für das Funktionieren der Theatermaschinerie führt immer wieder zu magischen Bühnenabenden.

Niemand, der dabei war, wie das Publikum nach einer Dreiviertelstunde im Opernhaus ins Bockenheimer Depot wechselte, um in „Endless House“ den Unterschied zu erfahren zwischen riesenleerer Guckkastenbühne und dem Gefühl, durch die Aufhebung der Trennung zwischen Zuschauerraum und Bühne direkt ins Geschehen einzutauchen, wird dies je vergessen. Keinen, der in die geheimnisvollen Kompartimente von „Kammer/Kammer“ hineinschauen durfte wie in ein Haus, dessen fehlendes Dach seine Bewohner schutzlos den Blicken von oben aussetzt, ließ es kalt. „Woolf Phrase“ verknüpfte die imaginativen Kräfte der Literatur mit den Suggestionen des Bühnenapparats und zweier einsamer Tänzer im Licht, vor einem Mikrofon. Über die Jahre sind Konstanten für das Ensemble von William Forsythe einzig geblieben, dass sie in dem aufregenden Licht ihres Choreographen und um Mikrofone herumtanzen, dass sie Socken und informelle, bequeme Kleidung tragen, dass sie ihre Stimme so brauchen wie ihre schauspielerische Intuition.

Seltsam, aber vielleicht wegen der vielen ästhetischen Wenden hat man immer das Gefühl, einer sehr aktuellen Kunst beizuwohnen, und ist beim Nachrechnen von Jahreszahlen und Tänzergenerationen schier überrascht, wie lange Forsythes Arbeit uns schon begleitet: von 1984 bis 2004 als Direktor des Ballett Frankfurt, seither mit seinem halbnomadischen Ensemble „The Forsythe Company“. Was den Aspekt der Verständlichkeit betrifft, möchte man den Choreographen gegenüber den Schwierigkeiten seines Werkes in Schutz nehmen. Seine Versuche, den Tanz mit zeitgenössischen wissenschaftlichen oder künstlerischen Disziplinen in Beziehung zu setzen, etwa zu den Möglichkeiten der Computertechnologie, der Hirnforschung, der medialen Gegenwartskunst, sind heroisch, machen seine Kunst aber nicht einfacher. Forsythes autonome Selbstbeschreibung von der Katze, die ruhig dasitzt und wartet, was die Wirklichkeit ihr zuspielt, ist nicht ganz richtig.

Denn da beschreibt er den Choreographen in der Moderne, Merce Cunningham oder George Balanchine. Er selbst ist längst der postmodernen Relevanzungewissheit ausgesetzt. Forsythe ist weder der stolze Fortführer einer großen Tradition noch ihr selbstbewusster Zerstörer - das sind Topoi einer untergegangenen Epoche. Er ist Balanchines Katze, im freien Flug begriffen.

Von Wiebke Hülster

FAZ, den 30.12.2009.

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